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Cerro Torre
im Winter

…immer noch etwas
ganz Spezielles!

„Cumbre!!!“ „Gipfel!!!“ schreit Tibu in das kleine Funkgerät. Seine Stimme überschlägt sich fast vor lauter Emotionen.

„Hermanos Cumbre“, der 36 jährige Argentinier fällt mir um den Hals. Wir alle fallen uns um den Hals. Wir – das ist eine bunt zusammen gewürfelte Truppe: der Deutsche Thomas Huber, der Argentinier Matias Villavicencio (Tibu) und wir beiden Schweizer Dani Arnold und ich. Und der Ort des Geschehens: der Gipfel des 3128 Meter hohen Cerro Torre in Patagonien.

Vor dreieinhalb Tagen sitzen Dani Arnold und ich noch im Flugzeug. Unterwegs nach Patagonien. Am 27. Juli werden wir in Chalten von Thomas Huber und Tibu empfangen. Thomas ist bereits seit drei Tagen in „unseren zweiten zu Hause“ – El Chalten.

Er hat mich vor gut einem Monat gefragt, ob ich mit ihm in den patagonischen Winter fahren würde. Ursprünglich hatte sich Thomas mit dem einheimischen Bergsteiger Matias Villavicencio (Tibu) zusammen getan. Ich wusste aber, dass Dani Arnold diesen Winter das Gleiche auf dem Plan hatte – im Winter auf den Cerro Torre zu steigen. Deshalb haben wir ihn eingeladen, mit uns zu kommen und gemeinsam zu klettern. Nun waren wir also zu viert im Team.

Für alle von uns hatte der Cerro Torre eine besondere Bedeutung: Thomas stand noch nie auf dem höchsten Gipfel der Torre Gruppe, Tibu einmal im Sommer, Dani versuchte sich bereits dreimal am Cerro Torre und ich war 1999 mit David Fasel, Thomas Ulrich und Gregory Crouch über die Westwand gestiegen.

Es war die erste Winterbegehung der Ferrari Route. Doch sind wir – in einer ganz anderen Zeit (ohne Wetterprognose und Satalitentelefon) – damals auf dem Gipfelplateau gestanden und haben aufgrund des heranziehenden Schlechtwetters auf die Besteigung des zehn Meter aufragenden Reifpilzes verzichtet. Für uns machte das dazumal keinen Unterschied. Aber im Hinterkopf hatte ich es immer: ich wollte irgendwann auch im Winter auf dem höchsten Punkt des Cerro Torre stehen.

Immer wieder zieht es mich und auch Thomas in das patagonische Dorf. Viele einheimische Freunde habe ich hier in den letzten 20 Jahren gewonnen. Doch im Moment ist keine Zeit, die Freunde zu besuchen – das Wetter soll in den nächsten Tage ganz gut sein.

Nach einer kurzen Nacht wird am 28. Juli in der Früh das ganze Material zusammengepackt und wir steigen mit der Unterstützung unserer Freunde, den Gebrüder Luis und Hector Soto, in das 7 Stunden entfernte Niponino Camp auf. Der Winter ist zurzeit sehr mild hier in Patagonien. Der Lago Torre ist nicht zugefroren.

Am 29. Juli ist um sechs Uhr in der Früh wieder Tagwache. Hell wird es hier zu dieser Jahreszeit jedoch erst um halb zehn. Wir steigen mit schwer beladenen Rucksäcken über den Col Standhardt, seilen zwei Seillängen auf die Westseite der Torre Gruppe ab und steigen weiter ab in den Kessel des „Circo de los altares“. Anschliessen geht es wieder rauf Richtung „Filo Rojo“.

Es liegt wenig Schnee – der spaltenreiche Gletscher ist schlecht zu geschneit. Plötzlich reisst mich das Seil aus dem Gleichgeweicht. Ich schaue nach hinten. Tibu ist nicht mehr zu sehen. Verschwunden in einer Spalte. Ein paar Minuten später hat er sich wieder aus der misslichen Lage befreit.

Es wird warm. Der Schnee weich und die Spurarbeit mühsam. Nach zwei kombinierten Längen erreichen wir einen Pfeilerkopf. Wir machen Pause. Schon schrecken wir wieder auf: Thomas‘ Helm verabschiedet sich in die Tiefe. Wir legen uns einen neuen Schlachtplan zu.

Während Dani und ich noch weiter steigen, bis zu den ersten steilen, blanken Eislängen, seilt und steigt Thomas wieder ab um seinen Helm zu suchen. In der Zwischenzeit präpariert Tibu unsere Biwakplätze. Um halb sechs Uhr finden wir uns alle wieder gemeinsam bei unserem Nachtlager ein. Noch ist es eine gute Stunde hell. Wir alle können etwas Erholung brauchen.

Nach einer angenehmen Nacht auf dem „Adlerhorst“ klingelt der Wecker um 05.00 in der Früh. Bis alles wieder gepackt ist vergeht etwas Zeit. Es ist noch stockdunkel, doch wir müssen los. Erst unter dem „Helm“ können wir die Stirnlampen ausschalten. Wir befinden uns in der Märchenlandschaft von unwirklichen Eisgebilden.

Die Ferrari Route ist einfach ein Traum! Für mich war es immer wieder ein Wunsch, diese Route in dem unwirklichen Gelände nach 1999 noch einmal klettern zu dürfen. Nun, 14 Jahre nach unseren Ersten Winterbegehung der Ferrari Route und der zweiten Winterbesteigung des Cerro Torres überhaupt, durfte ich wieder hier sein. Thomas übernimmt die Führung durch die vier kombinierten Seillängen. Wir kommen gut vorwärts. Danach steigt Dani eine weitere Seillänge in der Headwall bevor ich drei Seillängen übernehme.

 

Obwohl sich in den 14 Jahren die Formationen natürlich stark verändert haben, erinnere ich mich noch an die eine oder andere Stelle. Durch einen kleinen Kanal erreiche ich den Grat, der die Westwand von der Nordwand trennt. Ich schlängle mich durch unwirkliche Eisgebilde.

Es „pfeift“ in die Tiefe zum „Col de Conquest“ – dem Einschnitt zwischen Cerro Torre und Torre Egger. Fast auf den Tag genau vor 3 Jahren standen Dani und ich zusammen mit Thomas Senf nach der ersten Winterbegehung auf dem Torre Egger. Der Cerro Torre hat meines Wissens seit meinem letzten Besuch keine weitere Winterbesteigung gesehen.

Unter dem Gipfelpilz mache ich wieder Stand. Mein Blick wandert rüber zu Fitz Roy – und auf das Gebirge auf der chilenischen Seite des „Hielo Continental“ – einfach Fantastisch! Das Wetter unglaublich gut. Keine Wolke ist zu sehen! Unser Team funktioniert perfekt. Während Thomas und Tibu nachstiegen, nimmt Dani die letzte Seillänge in Angriff.

1999 haben wir uns in 4 Stunden (für 60 Meter) nordseitig durch das gefürchtete rime-ice (Anraumeis) hochgekämpft. Dani findet weiter in der Westwand eine Rinne, in der kaum Anraumeis anzutreffen ist. Gleichwohl sind die ersten fünf Meter – selbst für den Eismeister – kein „Kinderfasching“. Doch dafür werden die Bilder, die Thomas von dieser Seillänge macht erste Klasse! Sobald ich nachgestiegen bin bereite ich schon mal die erste Abseilstelle am Nordende des Pilzes vor.

Es schaut anders aus hier oben als vor 14 Jahren und wir haben dank des zuverlässigen Wetterberichtes die Sicherheit, dass sich das Wetter in den nächsten Stunden auch nicht ändern wird. Ungesichert im einfachen Gelände steigen wir dann noch die letzten 10 Meter auf den höchsten Punkt. Kein Wind auf dem Gipfel!

Ein weiteres unvergessliches Erlebnis in Patagonien! Wir sind so glücklich! Wir funken zu unseren Freunden Hector und Luis, die immer noch im Niponino warten. Es ist schon 17.30 Uhr und wir machen uns an den Abstieg. Ich rüste mich mit dem nötigen Material aus und richte die Abseilstellen ein. Um 23 Uhr erreichen wir wieder unsere „Adlerhorst“ und biwakieren für ein paar Stunden. Da der Wetterbericht für den nächsten Tag viel Wind angesagt hat, entscheiden wir uns für den Rückweg für die Route über den Passo Marconi.

Ein langer und zuletzt mühsamer Weg durch tiefen Neuschnee. Nach 9 Stunden Marsch erreichen wir das westliche Ende des Lago Electrico, wo wir ein letztes Biwak machen.

Am nächsten Tag warten noch 4 Stunden Marsch auf uns, danach ist es geschafft. Wir staunen nicht schlecht, als wir am nächsten Morgen auf halbem Weg auf Hector und Luis treffen. Am Tag zuvor sind die beiden vom Niponino nach El Chalten abgestiegen und nun sind sie uns entgegengeeilt ins Piedra del Fraile.

Sie brachten Brot, Salami und Bier mit. Genau was wir uns jetzt wünschten! Das sind wirklich echte Freunde! Am Nachmittag des 1. August sind wir wieder zurück in El Chalten. Und am Abend gibt es schon das traditionelle Assado und ich blicke bereits zurück auf eine weitere anstrengende aber unvergessliche Woche im patagonischen Gebirge.

Facts:

2. Winterbesteigung der Ferrari-Route; nach unserem Wissenstand 3. Winterbesteigung des Cerro Torre überhaupt

27.7.13: Ankunft El Chalten
28.7.13: Marsch ins Niponino
29.7.13: Aufstieg zum Col Stanhardt und Abseilen Richtung „Circo de los altares“, anschliessend Aufstieg Richtung „Filo Rojo“. Biwak im „Adlerhorst“.
30.7.13: Aufstieg zum Gipfel des Cerro Torre (3128 M.ü.M.) über die Ferrari-Route und Abstieg bis zum „Adlerhorst“.
31.7.13: Abstieg via Circo de los altares aufs Inlandeis und dann über den Marconi-Gletscher bis zum Lago Electrico: Biwak
1.8.13: Rückmarsch über Piedra del Fraile nach Chalten

Team:

– Stephan Siegrist
– Dani Arnold
– Thomas Huber
– Matias Villavicencio „Tibu“

Helfer für Materialtransport: Luis und Hector Soto