Foto: © visualimpact.ch | Thomas Senf

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Balanceakt
auf der
Dufourspitze

Eine Erstbegehung
der besonderen Art

Europarekord der besonderen Art

Auf der Dufourspitze ist der Extremalpinist Stephan Siegrist in 4620müM über dem Abgrund balanciert und hat so die höchstgelegene Highline Europas begangen.

Wer erinnert sich nicht an den ersten Zirkusbesuch, bei dem wir mit offenem Mund die Seiltänzer bestaunt haben? Stephan Siegrist hat die Idee des Hochseilaktes weitergeführt: Statt auf einem starren Seil balanciert er auf einem schwankenden Band, statt im Zirkus spannt er sein Band – die Highline – auf Berggipfeln. Ohne Balancierstange, nur mit einer dünnen Schlinge gesichert.

Und jüngst hat Stephan Siegrist entschieden, dem höchsten Schweizer einen Besuch abzustatten. Auf der Dufourspitze, dem höchsten Berg der Schweiz, will er auf einem schmalen Band über dem Abgrund balancieren. Begleitet wird Stephan Siegrist vom Fotografen Thomas Senf, der kürzlich den Base Jump von Valery Rozov vom Mount Everest dokumentiert hat.

Als Stephan Siegrist und Thomas Senf den Gipfel der Dufourspitze erreichen, liegt ein schweisstreibender Aufstieg auf Skiern hinter ihnen. Einsam zieht sich ihre Spur zwischen den Gletscherspalten durch die unberührte Schneelandschaft. Von Zermatt sind die beiden über den Gornergletscher zur Monte Rosa-Hütte aufgestiegen.

Die Hütte ist geschlossen, übernachtet haben die beiden im Winterraum. Von dort waren es dann aber noch einmal ganze 1800 Höhenmeter, die sie bis zum Gipfel der Dufourspitze zu bewältigen hatten.

Auf 4620 Metern – direkt unterhalb des Gipfels – findet Stephan Felsen, an denen er seine Highline spannen kann. Das Fixieren des schmalen Bandes nimmt einige Zeit in Anspruch, vertraut er den Ankerpunkten doch sein Leben an, wenn er später über die Highline balanciert.

Noch hält sich das angekündigte Gewitter zurück, der tiefblaue Himmel steht im klaren Kontrast zu den verschneiten Viertausendern rundum. Unten liegt das Mattertal bereits im Grünen. Bis Zermatt geht es über dreitausend Meter in die Tiefe.

Die Luft hier oben ist dünn, jede Bewegung ist anstrengend. Und während sich jeder andere Alpinist am Gipfel über eine erfolgreiche Begehung des Berges freuen würde, geht es für Stephan Siegrist da erst richtig los. Doch die Höhe fordert ihren Tribut. Stephan spürt den kräftezehrenden Aufstieg in den Beinen, im Kopf macht sich der mangelnde Sauerstoff bemerkbar.

Trotzdem fokussiert er sich voll auf das schmale Band vor ihm, versucht alle Müdigkeit auszublenden. Zu Beginn scheint es, als hätte er sein Ziel zu hoch gesteckt. Stephan: „Die ersten Gehversuche auf der Highline waren schwierig. Einen Moment habe ich daran gezweifelt, dass ich für diesen Balanceakt noch genügend Konzentration aufbringen kann.“

Doch Stephan tastet sich Schritt für Schritt vorwärts, schwankt, gleicht mit dem Körper aus, überwindet Meter um Meter über dem Abgrund. Bis er nach einundzwanzig Metern auf der anderen Seite der Highline wieder festen Boden unter die Füsse bekommt.

Es ist der 13. Juni 2013 nachmittags um halb Fünf, als Stephan Siegrist mit der Begehung der höchstgelegenen Highline Europas einen Rekord aufstellt. Statt einem Applaus der Zirkusbesucher erwartet ihn als Belohnung nun eine endlose Skiabfahrt über unberührte Hänge. In allerfeinstem Schnee. Bei Sonnenuntergang.