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Erfolgreiche Erstbegehung in der Westwand am Rotbrätt der Jungfrau

Roger Schaeli und mir gelingt im Juni 2019 mit „Silberrücken“ eine fantastische neue Route durch die Rotbrätt Westwand.
© Frank Kretschmann
Foto © Frank Kretschmann

Auf den ersten Blick sind Stephan Siegrist und Roger Schaeli ein scheinbar ungleiches Team: Siegrist, ein bodenständiger Familienvater mit festem Wohnsitz in einem idyllischen Bergdorf in der Schweiz und Schaeli, ein Kletternomade immer auf Achse in seinem VW Camper.

Doch die beiden verbindet eine lange Geschichte und ihre Leidenschaft für schwere Klettertouren. Sie teilten sich viele Jahre lang eine Wohnung in Interlaken. Diese kleine Wohngemeinschaft war weit über die schweizer Grenzen hinaus bekannt. Die Türe von Siegrist und Schaeli war stets offen, Bergsteiger und Kletterer waren ständig zu Gast, selbst ein Artikel wurde über die berühmt-berüchtigte WG geschrieben. Die zwei Schweizer haben zusammen schwere Route geklettert und waren gemeinsam auf Expeditionen unterwegs. Dann teilten sich ihre Wege.

Das ist eines der größten Geschenke, das du als Alpinist und Kletterer bekommen kannst ist. Als erster Mensch durch eine Wand zu Klettern, wo es vorher nur eine Vision gab. Es scheint auf den ersten Blick unmöglich. Mit viel Mut, dem richtigen Team, und dem tiefen Willen, es wirklich zu wollen, kann man es schaffen. Roger Schaeli
Foto © Frank Kretschmann

Bis sie sich im Winter 2017 dazu entschieden, gemeinsam ein altes Projekt, eine Idee, von Stephan Siegrist und seinem vor zehn Jahren viel zu früh verunglückten Freund Giovanni Quirici wieder zu erwecken. Für Siegrist war es an der Zeit, seine und Quiricis Vision mit Schaeli zu verwirklichen. Sie wollten in der Westwand des Rotbrätt an der Jungfrau eine neue Route klettern. Es gab erst eine erschlossene Tour durch eine Schwachstelle im linken Teil der Wand. Die Route Fätze und Bitze wurde schon 1990 von Res Leibungut und Christoph Mauerhofer eröffnet. Seitdem gab es keine Erschließungsversuche am Rotbrätt mehr.

Foto © Frank Kretschmann

Zum einen liegt das daran, dass der Weg zum Rotbrätt lang und steil ist mit seinen 2000 Höhenmetern über teils schwieriges Gelände. Zum anderen ist die Wand steil und schwierig mit einigen kaum absicherbaren Passagen. Im Sommer 2018 legten Siegrist und Schaeli los. Sie entschieden sich für die steilste Stelle am Rotbrätt, denn nur sie war nach den schneereichen Wintermonaten trocken und frei von Schnee.

Es war ein wirklich emotionaler Moment. Nach so vielen Jahren wieder zusammen ein längeres Projekt abzuschließen. Einfach schön. Es weckt alte Erinnerungen. Wir hätten uns keine besseren Wochen wünschen können. Manchmal passt einfach alles zusammen! Stephan Siegrist

Die beiden Alpinisten konnten ihre Route wetterbedingt im zweiten Anlauf einrichten. Neun Seillängen in feinstem Fels am eindrücklichen Rotbrätt der Jungfrau standen nun für einen Rotpunkt zur Verfügung. Die erst zweite Mehrseillängentour hier überhaupt! Doch die unterschiedlichen Lebensumstände der Kletterer verzögerten die freie Begehung. Siegrist war mit seiner Familie beim Surfen im Sommer unterwegs und trainierte dann für eine große Expedition. Schaeli punktete Sportkletterrouten und lebte das Kletternomadenleben. Er wollte auf seinen Freund warten mit einer möglichen Rotpunkt-Begehung. Ein Jahr später, im Sommer 2019, legen Siegrist und Schaeli zusammen mit dem Fotografen Frank Kretschmann los. Sie wollen ihre Route rotpunkt klettern!

Foto © Frank Kretschmann

Das Wetter war stabil und ihre Tour als einzige Stelle am Rotbrätt trocken. Beide Kletterer konnten die ersten Seillängen frei durchsteigen. Doch die fünfte Seillänge ist extrem steil und schwer. Nachdem Schaeli nach einem harten Kampf auch dieser Rotpunkt gelingt beginnt aber eigentlich erst der richtig schwere Teil der Tour. In der sechsten Seillänge wartet ein Boulderproblem in der Mitte der Passage, schlecht abgesichert und in stark überhängendem Gelände. Hier zeigte sich der Teamgeist und die enge Freundschaft der Seilschaft. Kulinarisch versorgt von Fotografen und Basecamp Koch Kretschmann legten die beiden Alpinisten einen Ruhetag ein. Dann konnte Schaeli unter anfeuernden Rufen seiner beiden Freunde die sechste und schwerste Seillänge der Route rotpunkt klettern. Nach zwei weiteren, einfacheren Seillängen standen Schaeli und Siegrist am höchsten Punkt des Rotbrätt.

Es war vollbracht! Die erst zweite und schwerste Tour am Rotbrätt erhielt nach vier Tagen in der Wand den roten Punkt. Die neue Route an der Westwand des Rotbrätt nennen die beiden Schweizer mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht Silberrücken nach dem breiten Rücken von Schaeli und den grauen Haaren von Siegrist.