Stephan Siegrist

Profi Alpinist

Kashmir: Spear & Tupendeo

Berge können unbestritten schön sein, ästhetisch umwerfend – nicht umsonst hat das Matterhorn auf der Welt schon mehrere Doppelgänger.

Der Schweizer Profibergsteiger Stephan Siegrist, seine Teamkollegen Thomas Senf und Dres Abegglen haben im Norden Indiens eine weitere traumhafte Version des Matterhorns gefunden. Die markante Pyramide steht in der bisher fast nicht zugänglichen Kashmir-Region, dem konfliktreichen Grenzgebiet zwischen Indien und Pakistan. Der 5900 Meter hohe Berg ragt wie eine Speerspitze aus den umliegenden Bergketten und trägt deshalb den Namen «Spear» (Speer). Aufgrund eines Fotos hatten die drei Bergsteiger entschieden, im September 2015 nochmals in die Region zu reisen, in der sie auf früheren Expeditionen bereits alpinistisches Neuland entdeckt hatten.

Organisatorisch war die Expedition eine Herausforderung. Über das Gebiet bestehen kaum Informationen, die Karten sind ungenau, manchmal erscheinen ganze Bergketten am falschen Ort. Von ihrem Hauptziel, dem «Spear», wussten die Bergsteiger nicht einmal, wie hoch er wirklich ist. Es war auch nicht klar, wo sie das Basislager errichten könnten und wie lange sie brauchen würden, um mit allem Material dahin zu gelangen. Für Stephan Siegrist macht aber genau dies den Reiz aus: «Mir gefällt das ganze Drumherum, es ist eine tatsächliche Expedition, ein Aufbruch ins Unbekannte.» Dank guter Kontakte und viel Wetterglück gelangten die Bergsteiger aber ohne Probleme zu «ihrem» Berg und schafften den Anstieg auf Anhieb. Die Bedingungen am «Spear» erwiesen sich jedoch längst nicht so schön wie angenommen. Der Fels war brüchig, die Gefahr von Stein- und Eisschlag relativ gross. Das Trio erreichte den Gipfel am 13. September 2015, über eine Route, die vom Sattel aus über eine Rampe in die Nordostwand führt.

Beflügelt vom Erfolg entschieden die drei Bergsteiger, einen weiteren Berg zu besteigen, der ihnen ins Auge gestochen war: ein wie von Kinderhand gezeichneter, «perfekter» Gipfel, den die Einheimischen den göttlichen Berg «Tupendeo» nennen. Im Gegensatz zum «Spear» fanden die Bergsteiger am hohen Pfeiler, der sich bis zum Gipfel zieht, allerbesten Fels vor – Fels von so guter Qualität, dass die drei von den «schönsten Kletterverhältnissen» reden, die sie je auf vergleichbarer Höhe hatten. Die Route führte über 800 Höhenmeter in 21 Seillängen auf den bisher unbestiegenen Gipfel des «Tupendeo» (5700 m.ü.M).

Nach einer Schlechtwetterphase, die das Trio während einer Woche im Basislager festhielt, machten sich die Bergsteiger daran, einen weiteren Berg zu erklimmen, den sie erspäht hatten: den «Te» (Kristall). Sie wählten den schwierigeren, aber schöneren Weg über die eigentliche Kristallspitze, seilten von dort ab und erklommen zum Schluss den verwächteten Schneegipfel. «Die besten Superlative reichen nicht aus, um die Bedingungen zu beschreiben, die wir an diesem Berg trafen: einfach genial», schwärmt Stephan Siegrist. Begeistert von dieser puren Form des Bergsteigens in einer wilden und umwerfend schönen Region kehrte das Bergsteigertrio am Wochenende in die Schweiz zurück.

Fakten

Bhala (Spear) 5900m
Erstbesteigung, Gipfelerfolg am 13. September 2015
Route „Copa-Kaban“ vom Ost-Sattel über eine Rampe durch die Nordostwand, brüchig/instabil
Mässig schwierige Kletterei

Tupendeo 5700m 
(auf einigen Karten als Tupendo1, auf anderen als Druid bezeichnet):
Erstbesteigung, Gipfelerfolg am 19. September 2015
Route „Deokhal“, Südost-Pfeiler, aussergewöhnlich gute Felsqualität
6a/b, 21 Seillängen, 800Hm

Te (Kristall) 5900m
Erstbesteigung, Gipfelerfolg am 2.Oktober 2015
Route „Via Chaprasi“
Felslängen am Kristall: 5c/6a, 4 Seillängen, 200 Hm, aussergewöhnlich gute Felsqualität.
Ansonsten alpine Tour in kombiniertem Gelände bis 60° Steilheit

Team:
Andreas AbegglenThomas Senf, Stephan Siegrist,