Stephan Siegrist

Profi Alpinist

Kishtwar Shivling: Vergessene Gipfel im Himalaya

Es war eine Reise um alpinistisches Neuland im Norden Indiens zu entdecken.

Auf der alpinistischen Landkarte unseres Planeten gibt es kaum noch weisse Flecken. Alles ist entdeckt, vermessen und erklettert. Der Berner Oberländer Profibergsteiger Stephan Siegrist hat mit seinen Kollegen Thomas Senf und Dres Abegglen die Uhr zurückdrehen können und Gipfel in einer praktisch unbekannten Region bestiegen.

Auf einer Expedition in den Norden Indiens gelang ihnen am 1. Oktober 2014 eine neue Route am Kishtwar Shivling; einem Berg, der erst einmal bestiegen worden war, während weitere Versuche an dem markanten Berg seither erfolglos verlaufen waren. Zusätzlich verbuchte das Team in den Wochen zuvor zwei Erstbesteigungen: Anspruchsvolle Kletterei über ästhetische Linien führte die drei Alpinisten auf die zwei Gipfel, die sie Shiepra und Kharagosa nannten. «So muss es gewesen sein vor 150 Jahren, im goldenen Zeitalter des Alpinismus in den Alpen», schwärmt Stephan Siegrist. «Man sitzt in einer fantastischen Bergwelt, sieht einen besonders schönen Gipfel und fragt sich: Ist der schon bestiegen?» Dieses Gefühl, dann als Erster auf einem solchen Gipfel zu stehen, sei umwerfend. Für Siegrist, Senf und Abegglen ist es die ursprüngliche Art von Bergsteigen, ein Erlebnis, das in seiner Intensität an bekannten Orten nicht zu haben ist.

1983 schafften die Engländer Stephen Venables und Dick Renshaw die Erstbegehung des Kishtwar Shivling in sieben Tagen über die Nordwand. Später war die Region im indisch-pakistanischen Grenzgebiet wegen politischer Unruhen fast zwei Jahrzehnte gesperrt. Nach der Wiederöffnung fanden nur vereinzelt Ausländer den Weg ins Kashmir Gebiet.

Am Kishtwar Shivling eröffneten Siegrist, Senf und Abegglen eine neue Route durch ein verstecktes Eiscouloir auf den Ostgipfel. Der Ostpfeiler war mit Sicherheit schon zweimal versucht worden, bis anhin aber ohne Erfolg. Vom Biwak in einem Schneesattel auf 5400 Metern, kletterten die Alpinisten zehn steile Seillängen (bis zu 90°, WI5) durch das Couloir. Anschliessend gelangten sie durch anspruchsvolles kombiniertes Gelände bis unter die gigantische Gipfelwächte. Mit viel Glück und Gespür fanden die drei ein Loch, konnten durch die Wächte kriechen und so den Ostgipfel erreichen. Das GPS zeigte 5895 Meter über Meer.

«Für uns», so sagt Stephan Siegrist, «ist die Höhe nicht das entscheidende Merkmal. Wichtiger sind uns die Ästhetik eines Berges und eine interessante Linie. Was bleibt ist das Erlebnis, bisher unbekannte Berge zu entdecken und zu besteigen.»

Überraschungen gehören zu einer Expedition in ein Gebiet, das abseits der bekannten Routen liegt. Ungenaue Höhenangaben, wenige Informationen und fehlendes Kartenmaterial waren nur ein Teil der Herausforderungen. Gleich zu Beginn hatten die verheerenden Unwetter in Jammu der Reise beinahe ein vorzeitiges Ende bereitet. Von früheren Expeditionen in das Gebiet kannten Siegrist und Senf bereits gute Verbindungspersonen wie ihren Liaison Officer Ran Jan. Dieser fand trotz Überschwemmungen einen Weg, um in das Basislager zu gelangen.

Auch in den Dörfern im Tal wurden die Schweizer wiedererkannt. Die wenigen Ausländer, die die Region besuchen, bleiben ganz offensichtlich in Erinnerung. Dies verhalf den Bergsteigern nicht nur zu Vorteilen bei der Organisation, sie kamen auch in den Genuss der lokalen Gastfreundschaft. Die Einheimischen begriffen zwar nicht, wozu Bergsteigen gut sein soll, spannten die Fremdlinge aber erfolgreich ein, um bei der Kornernte zu helfen.